Traut Euch zu sagen: „Ich will Professorin werden!“

Isabel Dziobek, Professorin an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt Universität Berlin und Fellow der Max Planck School of Cognition, spricht mit uns über ihre Leidenschaft für die Wissenschaft, wie wichtig es ist, als Wissenschaftlerin Selbstvertrauen zu entwickeln und wie dies durch gezielte Schulungen unterstützt werden kann.
Isabel Dziobek, Berlin School of Mind and Brain an der Humboldt Universität Berlin

Professor Dziobek, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?

Meine Forschung nimmt soziale Interaktion in den Fokus: Ich versuche zu verstehen, was soziale Interaktion ausmacht und welche Faktoren dazu beitragen, dass sie funktioniert und als angenehm empfunden wird. Ich beobachte zum Beispiel, wie Gefühle anderer Personen gelesen werden und wie soziale Signale wie etwa Gesichtsausdrücke und Intonation entschlüsselt werden. Gleichzeitig möchte ich soziale Gefühlsregulierung oder die Bildung von Stereotypen verstehen. Mein Hauptaugenmerk liegt also auf kognitiven und emotionalen Prozessen, die im Kontext sozialer Interaktion auftreten.

Darüber hinaus interessiere ich michauch dafür, was passiert, wenn Probleme in diesen Prozessen auftreten, wie etwa im Falle von psychischen Störungen, die Beeinträchtigungen in sozialen Interaktionen involvieren, wie zum Beispiel autistische Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder soziale Angststörungen.

Ich bin nicht nur Forscherin, sondern auch Psychotherapeutin und Leiterin einer Ambulanz für Personen mit sozialen Interaktionsstörungen. Ich befasse mich in meiner Arbeit also sowohl mit Grundlagenforschung zu sozialer Interaktion als auch mit angewandter Forschung.

 

Was hat Sie dazu motiviert, als Fellow Teil der Max Planck School of Cognition zu werden?

Ich arbeite sehr gerne mit jungen Wissenschaftler*innen zusammen – vor allem natürlich, wenn sie talentiert sind. Als ich die Möglichkeit hatte, Fellow der Max Planck School of Cognition zu werden, hat mich das sehr gefreut. Es ist ein ausgezeichnetes Programm mit herausragender Lehre. Ich bin überzeugt davon, dass das Programm auch international besonders fähige und ambitionierte Nachwuchswissenschaftler*innen anzieht. Zudem war ich begeistert von der Möglichkeit, diese jungen Leute in meine Gruppe zu integrieren: Neugierige, engagierte und talentierte junge Teammitglieder inspirieren nicht nur mich, sondern wirken sich auch positiv auf die Atmosphäre in der Forschungsgruppe aus.

 

Was reizt Sie an Ihrer Arbeit besonders?

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich einen Beruf habe, der mich begeistert. Es gibt viele unterschiedliche Aspekte, die mich motivieren zu arbeiten, aber ich würde sagen, dass die kreativen Aufgaben mich am meisten reizen. Ich habe große Freude daran, über neue Paradigmen zur Messung sozial-kognitiver Mechanismen nachzudenken oder neue Therapien für unsere Patient*innen zu entwickeln. Wenn ich solche kreativen Exkurse zusammen mit meinen Doktorand*innen oder Postdocs machen kann, freut mich das umso mehr.

Ein anderer Aspekt meines Berufs, der mich jeden Tag aufs Neue inspiriert, ist, dass einige unserer klinischen Anwendungen tatsächlich Personen mit Problemen in der sozialen Interaktion helfen. Es ist sehr erfüllend zu sehen, wie sich unsere Arbeit vom Identifizieren grundlegender Mechanismen in die angewandte Forschung übersetzt. Derzeit arbeiten wir beispielsweise an Studien im Bereich Robotik: Wir entwickeln Therapien, die Kindern und Erwachsenen mit Autismus dabei helfen, mit sozialen Problemen umzugehen.

 

Können Sie sich an einen Moment in Ihrem Leben erinnern, an dem Sie realisiert haben, dass Sie die Wissenschaft auch langfristig zu Ihrem Beruf machen wollen?

Rückblickend würde ich sagen, dass alles mit meiner Doktorarbeit an der New York University begann. Hier habe ich auf dem Gebiet Autismus gearbeitet und einen Test zur Messung sozialer Kognition entwickelt. Mir hat die Interaktion mit Personen mit Autismus im Kontext der Studie sehr gefallen. Allerdings hatte das Zentrum, in dem ich gearbeitet habe, eigentlich den Fokus Demenz. Deshalb musste ich selbst Wege finden, Teilnehmer*innen für meine Studie zu finden wie z.B. in Selbsthilfegruppen. Diese Herausforderung hat meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, was mich wiederum angespornt und motiviert hat.

Es hat dann aber ein paar Jahre länger gedauert, bis ich die berufliche Entscheidung getroffen habe, auch wirklich in der Forschung zu bleiben und Professorin zu werden. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass ich es nicht gewagt hatte, überhaupt zu denken, dass ich tatsächlich Wissenschaftlerin werden könnte. Mein Selbstbewusstsein musste über die Jahre wachsen. Erst als ich bereits fortgeschrittene Postdoc war, meine eigene Nachwuchsforschergruppe leitete und erste Bewerbungen für Professor*innenstellen schrieb, war ich soweit, laut zu sagen: „Ich möchte Professorin werden.“

Zu dieser Zeit habe ich auch an einem speziellen Führungsprogramm für Frauen teilgenommen, „PROFIL“, das Postdocs von der Postdoc-Phase hin zum Einstieg als Professor*in begleitet hat. Das Programm hat mir wichtige Fähigkeiten beigebracht, die man nicht an der Uni lernen kann, wie das Schreiben von Bewerbungen auf Professuren, die Erstellung von Bewerbungsvorträgen und wie man sich im Berufungsgesprächen erfolgreich präsentiert. Diese sehr gezielten Schulungen zur Karriereentwicklung waren sehr hilfreich und haben mein Selbstbewusstsein wachsen lassen.

Ich bin davon überzeugt, dass eine Karriere als Professor*in auch eine Sache des Selbstbildes und Selbstbewusstseins ist, das man als Wissenschaftler*in erst entwickeln muss. Es wird einem niemand den Professortitel hinterhertragen. Ganz im Gegenteil: Du musst aufstehen und deutlich machen, dass Du eine bestimmte Position haben möchtest. Als Mentor*innen von PhD-Studierenden und Postdocs sollten sich Professor*innen dessen bewusst sein.

 

Hatten Sie als Nachwuchswissenschaftlerin Rollenmodelle?

Mein Doktorvater, Professor Oliver Wolf von der Ruhr-Universität Bochum, war und ist ein sehr guter Mentor. Er hat mich nicht nur zu meiner Forschung ermutigt und gab mir sehr hilfreiches wissenschaftliches Feedback, sondern war auch an mir als Person interessiert. Er motivierte mich, meine Karriere zu verfolgen und unterstützte mich auf vielfältige Weise. Rückblickend hätte ich mir aber auch weibliche Vorbilder gewünscht.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Frauen, die ich bewundere für Ihre wissenschaftliche Arbeit ebenso wie ihre Persönlichkeit, wie etwa Rebecca Saxe (MIT) oder Soyoung Park (Charitè Universitätsmedizin Berlin / German Institute of Human Nutrition).

 

Denken Sie, dass Programme wie das Führungsprogramm für Frauen, an dem Sie teilgenommen haben, notwendig sind für Frauen in der Wissenschaft und wenn ja, weshalb?

Ich denke, diese Programme sind für jeden extrem hilfreich, aber insbesondere für Frauen. Wir wissen, dass es einen „Gender Gap“ in der Wissenschaft gibt: Nur etwa ein Drittel aller Wissenschaftler*innen sind Frauen und in Europa sind nur etwa 10 Prozent der höheren Führungspositionen in der Wissenschaft von Frauen besetzt. Wir müssen mehr daran setzen, dass sich diese Lücke schließt, weil wir wissen, dass Frauen genauso talentiert sind wie Männer und dass geschlechterdiverse Wissenschaft qualitativ besser ist. Ich bin also überzeugt, dass wir das weibliche Potential stärker ausschöpfen müssen.

Diese Führungsprogramme, die speziell auf die Karriereentwicklung von Frauen ausgelegt sind, unterstützen Frauen nicht nur dabei, ihr Selbstbild als Wissenschaftler*in zu entwickeln, sondern ermöglichen auch den Erwerb von Skills, die für den Bewerbungsprozess notwendig sind. Schließlich eröffnen sie Frauen auch wichtige Netzwerke. Mit anderen Worten: Frauen schließen sich zusammen, um einander in der Karriere zu unterstützen, ganz ähnlich wie es Männer erfolgreich tun.

Aus meiner Erfahrung agieren Frauen in der Arbeitswelt anders als Männer. Frauen kommen nicht so schnell und so häufig in leitende Positionen. Sie sagen nur sehr zögerlich: „Ich möchte Professorin werden“ – das tun Männer in der Regel schneller und lauter. Ich denke also, dass gezielte Förderung hier sehr nützlich ist.

Ich persönlich versuche diese Unterstützung sowohl meinem männlichen als auch meinem weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs zu geben. Einmal im Jahr biete ich Karrieregespräche an. In diesen Gesprächen gebe ich Feedback und wir sprechen beispielsweise über verschiedene Optionen in der Karriereentwicklung, nächste Karriereschritte und wie ich diese Schritte unterstützen kann. Das wird in der Regel sehr gut angenommen.

 

Was hat Ihnen als Doktorandin geholfen und welchen Ratschlag möchten Sie den Studierenden an den Max Planck Schools geben?

Ich denke, es ist wichtig, das zu tun, was einen wirklich interessiert. Und dann sollte man natürlich von dem Wissen und den Fähigkeiten profitieren, die z. B. an der Max Planck School of Cognition vermittelt werden. Ich kann nur jeden Doktoranden und jede Doktorandin dazu ermutigen, während der Promotion so viel Wissenschaft wie möglich aufzusaugen – nicht zuletzt, weil Bürokratie und Führung später immer mehr Raum einnehmen. Deshalb ist es wichtig, schon früh eine gute, solide Wissensbasis aufzubauen.

Isabel Dziobek

Isabel Dziobek

Humboldt-Universität zu Berlin
Forschungsinteressen: • social cognition/interaction, empathy, Theory of Mind, emotion and face processing • development and validation of tests and interventions for socio-emotional competencies and empathy • kinesthetic empathy and socio-emotional effects of synchronization • neuronal correlates of social cognition using functional and structural MRI • social interaction disorders (e.g. autism spectrum conditions, personality disorders, schizophrenia) • biological basis as well as diagnosis, intervention and integration of individuals with autism spectrum disorder • social robotics

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